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Mittwoch, 27.05.2020
Das Moosweiblein
Das Moosweiblein
Eine bettelarme und dazu noch kränkliche Taglöhnerswitwe in Hohenberg weckte eines Morgens ihr zwölfjähriges Mädchen schon früh vor Tagesanbruch, stellte ihm einen Huckelkorb und einen steinernen Krug hin und sagte: "Kind, mach dich fertig und geh auf den Hengstberg Hengstberg ! Dort gibt's jetzt erst die schönsten Erdbeeren und die Haselnüsse werden auch zeitig. Sei fleißig und komm vor Nacht wieder heim! Dann trag ich morgen die Beeren und die Nüsse aufs Schloss, dass wieder ein Stück Geld ins Haus kommt." Darauf legte die Frau dem Mädchen noch ein Ränftlein Brot und ein paar warme Kartoffeln in den Korb und ließ es gehen.
Das Kind sammelte den ganzen Vormittag und schaute nicht um und nicht auf und es fand so viele Beeren und Nüsse, dass es mittags schon Korb und Krug voll hatte. Als es sich nun hinsetzen und ein wenig von seinem Vorrat schmausen wollte, sah es plötzlich ein winziges Wesen in dem Waldschlag umherhüpfen. Das sah aus wie ein Weiblein, aber sein Rock war braun und starr wie Baumrinde und über und über mit grünlichem Moos bedeckt, das in der Sonne wie Gold leuchtete. Um den Kopf hatte das Weiblein ein Tuch gebunden, wie es die Frauen im EgerlandEgerland tragen. Das Wichtlein sprang von einem Baumstumpf zum andern, schaute einen Augenblick darauf hin, die braunen Händchen auf die Knie gestützt, und brach dann in ein Weinen aus, wie man es von neugeborenen Kindern hören kann. Endlich hielt es an einem Baumstumpf inne, tanzte wie närrisch um ihn herum und war dann mit einem Satz droben, setzte sich bequem und schnaufte aus.
Da musste es das Mädchen bemerkt haben, denn es winkte mit beiden Armen heftig nach ihm hin. Das Kind aber fürchtete sich und darum schüttelte es den Kopf und sagte: "Wenn du etwas von mir willst, dann geh halt her!" "Kann ja nicht!", jammerte das Weiblein. "Ganzen Tag gelaufen. Nirgends hinsetzen können. Gottlose Holzhauer heutzutag! Kein Baumstumpf mehr seine drei Kreuzlein, dass armes Moosweiblein ausruhen kann! Schenk mir was, Moosweiblein hat Hunger!" Da ging das Kind mitleidig hin und schüttete dem Moosweiblein das rindengraue Schürzlein voll Beeren und legte eine Handvoll Haselnüsse dazu. Das Weihlein aß mit großer Begierde und das Mädchen kniete vor ihm und konnte sich an dem seltsamen Wesen nicht genug sehen. Als das Moosweiblein fertig war, hüpfte es wieder mit einem Satz von seinem Stock herunter, strich dem Mädchen mit der rauen Hand über die Backen und sagte: "Gutes Kind! Moosweiblein nicht vergessen!" Dann humpelte es eilig davon und war bald im Unterholz verschwunden.
Das Kind kam noch vor dem Gebetläuten heim und erzählte der Mutter alles. "Kind", sagte sie, "das hat dir Gott raten heißen, dass du mit dem Moosweiblein freundlich gewesen bist! Hat es dir nichts gegeben?" Das Mädchen verneinte. Als die Mutter aber die Beeren auf den Tisch schüttete, um sie sauber auszulesen, da waren es lauter Goldkörner und das Mädchen hätte sich an einer Haselnuss beinahe einen Zahn ausgebissen, weil ein goldner Kern darin steckte.
Nach Emil Grimm: "Sagen und Geschichten aus Oberfranken"
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